Heiliger Hubert, Apostel der Ardennen, um 703/05 Bischof von Tongern-Maastricht, der Legende nach geboren als Sohn des Herzogs Bertrand von Toulouse, gestorben am 30. Mai 727 zu Vurs (Tervueren).

Mit Gott und der Welt haderte Herr Hubert. Zu schwer hatte das Geschick ihn getroffen, gerade dann, wenn er das Glück in den Händen zu haben glaubte. Zweiundzwanzigjährig schon war er am Hof Theoderichs III. von Burgund Pfalzgraf gewesen., und weiß Gott, er hatte sein Amt wohl versehen und war allen ein guter und gerechter Richter und Sachwalter gewesen. Doch auch Herr Hubert sollte erfahren, wie flüchtig Fürstengunst ist. Ebroin, der aalglatte Hausmeister, hatte durch hinterlistiges Ränkespiel den verhaßten Nebenbuhler auszustechen gewußt. Hubert fiel in Ungnade und konnte von Glück sagen, daß er den gedungenen Meuchelmördern im letzten Augenblick noch entging und am Hof zu Jupille bei seinem Oheim Pipin von Heristal Zuflucht fand.

Neu schien der Stern seines Glückes am Himmel aufzusteigen. Er kam wieder zu Amt und Würden, begleitete seinen Oheim auf manch glückhaftem Kriegszug und errang schließlich die Hand des schönen Edelfräuleins Floribane aus Löwen. Als sie ihm eines schönen Sommertags einen kräftigen Buben gebar, kannte seine Freude kein Maß mehr. Um so tiefer aber schmetterte ihn das Mißgeschick abermals zu Boden. Als er eines Tages von der Jagd heimkehrte, fand er seine Frau im Totenschrein. Verzweifelt warf er sich über die Leiche der über alles geliebten Floribane. Weder seine Liebe noch sein Leid vermochten sie wieder zum Leben zurückzurufen. Als Hubert von der Totengruft zurückkehrte, war er ein stummer, verbitterter Mann.

Er floh die Gemeinschaft der Menschen, mochte nicht einmal mehr das Kind sehen, das Schuld trug an seiner Mutter Tod. Tagelang trieb er sich jetzt im Wald herum, übte das Weidwerk mit solch rasender Leidenschaft, daß die Köhler und Baumfäller im Wald sich bekreuzigten, wenn sie des wilden Jägers ansichtig wurden. Hubert kannte keinen Sonntag und kein Kirchenfest mehr. Er haderte mit Gott und den Menschen.

Weihnachten kam. Hell läutete das Mettenglöcklein in die sternenbesäte Nacht. Hubert aber hörte ihren Klang nicht. Er riß zur gleichen Stunde, da die Gläubigen sich anschickten, in ihrem Gotteshaus das Christfest zu feiern, die Armbrust vom Haken und wanderte in den verschneiten Wald.

Eine Kräutersammlerin, die ihm auf ihrem Weg zur Kirche begegnete, starrte ihn entsetzt an und rief:
"Was tut Ihr, Herr Hubert? Habt Ihr vergessen, daß in dieser Nacht das göttliche Kind geboren ward? Wollt Ihr es nicht grüßen mit seiner hochheiligen Mutter?"

"Ich mag nichts wissenvon einem Kind und seiner Mutter, seit Gott meinem Kind die Mutter nahm!" knirschte Hubert zornig. Die Frau aber bekreuzigte sich wie vor dem bösen Geist und humpelte davon. Stunde um Stunde irrte Hubert umher. Endlich stieß er einen halblauten Ruf aus. Er hatte die Spur eines Hirsches im Schnee entdeckt. Mit zusammengebissenen Zähnen folgte er der Fährte, bis er endlich das Wild, ein Tier mit mächtigem Geweih, gestellt hatte.

Jagdfieber glühte in seinen Augen, nein, das war mehr, das war die Lust zu töten und zu vernichten, die Gier, das Leben auszulöschen, wo immer es ihm begegnete, um sich am Leben zu rächen, das ihm so viel Bitterkeit beschert hatte. So hob er die Armbrust, legte an, zielte, ohne zu zittern und ließ jählings die Waffe sinken. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er den Hirsch an, zwischen dessen Geweih er ein leuchtendes, strahlenumwobenes Kreuz erkannte. Er rieb sich die Augen, glaubte zu träumen. Aber das wundersame Bild wich nicht. Kein Zweifel, Gott wollte den wilden Jäger den Frevel, mit dem er den Frieden der Heiligen Nacht entweihte, durch ein übernatürliches Zeichen erkennen lassen.

Taumelnd brach Hubert zu Boden, als hätte Gottes Faust ihn niedergeworfen. Ja, nun erkannte er, daß Gott selber war, gegen den er die Hand erhoben hatte, wenn er die Armbrust gespannt. Auf Tiere hatte er geschossen, aber der gefiederte Todespfeil hatte Gott selber gegolten, gegen dessen Vorsehung er sich in finsterem Groll empört hatte. Nicht mehr ein christliches Weidwerk hatte er betrieben, sondern dem ewigen Schöpfer selbst hatte sein verwegener Kampf gegolten.

In der Kirche sang man das letzte Christamt, als ein Mann im grünen Jagdgewand, mit wild zerzaustem Haar eintrat und ein paar Schritte auf den Altar zu machte, von dem ihm der Glanz ungezählter Lichter entgegenstrahlte. Neugierig erstaunte Blicke trafen ihn, und in vielen Augen funkelte helle Empörung. Hatte nicht die Kräutersammlerin erzählt, Herr Hubert habe den Frieden der Weihnacht freventlich geschändet? Wie konnte er es wagen, das Gotteshaus zu betreten. Als sie aber sahen, wie der starke Mann in die Knie brach und aufschluchzend das Gesicht in seine Hände barg, wurden sie bis ins Innerste erschüttert. Sie ahnten, daß die Hand Gottes den wilden Jäger getroffen hatte. Der Priester aber stimmte das Gloria an und ein Chor von Knaben vollendete mit silberhellen Stimmen den Sang der Engel über Bethlehems Flren: "Et in terra pax hominibus, bonane voluntatis! - Und Frieden auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind!"

Von jener Weihnacht an war Hubert wie verwandelt. Er beschloß, fürder sein Leben ganz Christkönig zu weihen, der ihn in der heiligen Nacht so wundersam zur Umkehr gezwungen hatte. Bischof Lambert von Maastricht nahm ihn unter seine Kleriker auf. Während einer Wallfahrt, die Hubert zur Sühne für seine Sünden nach Rom machte, ward Bischof Lambert ermordert. Als der fromme Pilger zurückkehrte, brachte man ihm den Hirtenstab entgegen. Bischof Giso von Köln gab ihm die hohepriesterliche Weihe.

Erneut durchstreifte Hubert jetzt die Wälder der Ardennen. Aber statt der Armbrust hielt seine Hand das Kreuz. Das Wild, das er jetzt jagte, waren die Seelen der Menschen. Das Heidentum, das sich in den Schlupfwinkeln der finsteren Gebirgswälder noch verborgen hielt, spürte er auf wie einstens Hirsch und Bock und Gott lenkte seinen Weg, so daß auch jetzt die Jagd nicht ohne schöne Beute blieb. Hubert ruhte nicht, bis er in den Herzen der Ardennenbewohner das Kreuz Christi ebenso strahlend sah wie einst in dem Hirschgeweih.

Seinen Diözesanen ward Hubert ein rechter Vater, der sich um ihr irdisches Wohlergehen ebenso sorgte wie um ihr seelisches. Seine Umsicht und Mildtätigkeit bewahrten in schwerer Notzeit viele Hunderte, vielleicht gar Tausende vor dem Hungertod. Am Fest der Himmelfahrt Christi aber durchzog er in einer Bittprozession, von großer Volksschar begleitet, die weite Flur, um Gottes Segen auf die sprießenden Saaten herabzuflehen.

Am 30. Mai 727 nahm Gott sie Seele seines getreuen Jägers in sein ewiges Reich. Es war in Tervueren, einem Ort in der Nähe der Stadt Lüttich, in die Hubert seinen Bischofssitz verlegt hatte. Sein Sohn Floribert folgte ihm in seinem Amt. Heute noch, nach zwölf Jahrhunderten, erfleht das Landvolk in mannigfachem Brauch den Segen des heiligen Jägers.